Kulturamt wird zum Krisenmanager

Stand: 09.11.2022
Vor mehr als zwei Jahren startete das Kulturamt den Betrieb des Impfzentrums.

Es ist ein goldener Oktobernachmittag in der Erlanger Innenstadt. Passant*innen schlendern am Rathaus vorbei in Richtung Fußgängerzone. Keine hundert Meter entfernt liegt die Sedanstraße mit dem Impfzentrum für Stadt und Landkreis, aufgebaut und betrieben auf den Flächen eines ehemaligen Sportgeschäfts – und zu den Hochzeiten von SARS-CoV-2 ein stark frequentierter Ort. Heute ist es hier ruhiger, aber es wird immer noch geimpft. 

Dass ein städtisches Kulturamt ein Impfzentrum aufbaut und betreibt, ist nicht unbedingt ein naheliegender Gedanke. Bodo Birk, Festivalleiter und seit 2020 zusammen mit Anne Reimann, der Leiterin des Kulturamts, in übergeordneter Funktion für die Koordinierungsgruppe Impfzentrum ER/ERH zu ständig, hat mehr als einmal die Frage „Warum ihr?“ gehört. Die Antwort ist aus seiner Sicht so einfach wie überzeugend: „Warum nicht wir?“ Kulturleute haben schließlich Erfahrung mit der Organisation und Logistik von großen Veranstaltungen mit viel Publikumsverkehr. Diese Erfahrung brauchte es, war doch die gestellte Aufgabe eine besonders große – und trotz Erfahrung war vieles neu, verlangte nach kurzen Wegen und unkomplizierten Abstimmungen, über Verwaltungsgrenzen hinweg. So ging es nicht nur darum, in Windeseile eine funktionierende und sichere Infrastruktur aufzustellen, sondern auch verschiedene Teams unterschiedlicher Berufsgruppen zusammenzustellen und einzuweisen – Ärzt*innen ebenso wie die Einsatzkräfte des Arbeiter Samariter Bundes (ASB) und die Mitarbeiter*innen des E-Werks, die – von heute auf morgen durch die Schließung sämtlicher Kultureinrichtungen beschäftigungslos geworden – zu einer großen Stütze bei den nichtmedizinischen Tätigkeiten wurden. Gerade als die ersten Impfstoffe verfügbar waren, stand auch die telefonische Hotline nicht mehr still, E-Mails mit Anfragen fluteten die Postfächer. Das Team der Hotline wurde von Tanya Häringer aufgebaut, ausgebildete Schauspielerin und Rhetoriktrainerin: „Da brauchte es schon ein gutes Stimmtraining, um abends noch einen Ton herauszubringen.“ 

An der Pinnwand: das Organigramm der Krise 

Gerade in den arbeitsintensiven und hektischen Anfangszeiten, als zwischen dem einem Erlass und dem nächsten mitunter nur Stunden lagen, griffen Birk und Reimann zeitweise auf externe Unterstützung zurück. „Wir ließen uns mit dem Blick von außen dabei helfen, zügig eine funktionierende Struktur und geordnete Abläufe aufzubauen“, blickt Anne Reimann zurück. So ließ sich dann auch der zweite Ansturm auf die Impfzentren im vergangenen Jahr gut bewältigen, als für die Auffrischungsimpfungen die Kapazität innerhalb von wenigen Wochen verdoppelt und die drei gerade geschlossenen Außenstellen im Landkreis (Herzogenaurach, Höchstadt, Eckental) in anderer Form wieder eröffnet werden mussten. 

In Erlangen und dem Landkreis ErlangenHöchstadt unterstand das Impfzentrum ER/ ERH bis Anfang 2022 der Führungsgruppe Katastrophenschutz der Stadt mit dem Oberbürgermeister an der Spitze. In engem Austausch stand das Team aus dem Kulturamt zusätzlich mit den Koordinierungsärztinnen und -ärzten von Stadt und Landkreis sowie mit der städtischen Pressestelle. Wirft man einen Blick auf das Organigramm, das bis vor Kurzem noch bei Anne Reimann an die Bürowand gepinnt war, wird klar, wie groß der Aufgabenbereich der Koordinierungsgruppe von 2020 bis 2022 war: von der Organisation der Infrastruktur über das Impfstoffmanagement und die Erstellung der Impfpläne inkl. Priorisierung der Altersgruppen bis zur Koordination der mobilen und stationären Impfteams, die in Heimen, in zahlreichen Orten des Landkreises und bei unterschiedlichen Einrichtungen impften.

Anmeldebereich des Kinderimpfzentrums
KInderimpfzentrum. Foto: Kristina Wind


Kinder, Leitsystem und viel Empathie 

Zurück in der Sedanstraße. Hier war bis vor Kurzem im zweiten Obergeschoss auf 400 qm auch das Kinderimpfzentrum untergebracht. Viel Einfühlungsvermögen wurde hier in die Ausstattung eingebracht, um den Aufenthalt für die jungen Besucher*innen so angenehm und übersichtlich wie möglich zu gestalten. Heute werden die Kinder im „großen“ Impfzentrum mitgeimpft. Das von der Kommunikationsdesignerin Sandra di Maria entwickelte Leitsystem trägt auch dort zu der guten Atmosphäre bei. Es lotst gezielt durch die einzelnen Stationen – von der Anmeldung und Aufklärung über das Impfen und Beobachten bis zur Abmeldung. Kurz vor Drucklegung des Rathausplatz 1 hat die Bayerische Staatsregierung bekannt gegeben, dass die Impfzentren in Bayern ihren Betrieb am 31. Dezember 2022 einstellen sollen. Für Anne Reimann und Bodo Birk endet dann eine intensive Phase, in der sie und ihr Team nicht nur enorm viel geleistet, sondern auch viel gelernt haben. „Das macht in gewisser Weise krisenfest“, blicken die beiden zurück.

Katharina Zeutschner

Drei Fragen an: Anne Reimann, Leiterin Kulturamt, Bodo Birk, Leiter Abteilung Festivals und Programme - beide zuständig für die Koordination Impfzentrum ER/ERH 

Was war die größte Herausforderung beim Aufbau und Betrieb des Impfzentrums?
„Jede Phase des Impfzentrumsbetriebs in den letzten zwei Jahren hatte ihre eigenen Herausforderungen. Zunächst war es die Aufgabe, innerhalb von vier Wochen eine Immobilie zu finden und sie zu einer medizinischen Einrichtung umzubauen. In der zweiten Phase bestand die Herausforderung darin, den in viel zu geringen Mengen vorhandenen Impfstoff zu verteilen, Priorisierungsregelungen zu verstehen, zu kommunizieren und sachgerecht umzusetzen. Und das bei sich häufig ändernden STIKO-Empfehlungen und Regierungsvorgaben. Im weiteren Verlauf musste das Impfzentrum aus dem Katastrophenmanagement in einen effizienten und stabilen Regelbetrieb überführt werden. 

Kann das Erlanger Modell als Blaupause für andere Kommunen dienen?
„Die Kulturverwaltungen in den Kommunen sind sehr unterschiedlich. Unsere Expertise ist es, innerhalb von kurzer Zeit große Projekte zu realisieren. Dazu gehören nicht zuletzt Flexibilität und Improvisationsbereitschaft, aber auch Kenntnisse von Technik über Sicherheitsfragen bis hin zu gestalterischen und kommunikativen Fähigkeiten. Das Modellhafte, das man aus dem Erlanger Impfzentrum ableiten könnte, wäre vielleicht, dass Kommunen in vergleichbaren Situationen auf die Expertise und die Qualifikationen innerhalb der Stadtverwaltung schauen und darauf vertrauen – auch wenn formale Zuständigkeiten oder offizielle Berufsabschlüsse das erst einmal nicht naheliegend erscheinen lassen."

Was waren weitere Herausforderungen während der Coronakrise?
„Dass wir die Aufgabe übernommen haben, das Impfzentrum zu betreiben, hat nichts damit zu tun, dass im eigentlichen Aufgabengebiet des Amts in den Corona-Jahren weniger zu tun gewesen wäre, im Gegenteil: Aufgabe der öffentlich finanzierten Kultur ist es, in diesen Zeiten besonders aktiv und kreativ zu sein, um das kulturelle Leben nicht ganz zum Erliegen kommen zu lassen, vor allem aber auch, um Künstler*innen und Selbstständige im Kulturbereich weiter zu beschäftigen. In der Zusammenarbeit mit den städtischen Einrichtungen haben wir hier parallel zum Betrieb des Impfzentrums engagiert nach kreativen Lösungen gesucht und diese auch umgesetzt."


Aus der November-Ausgabe der Stadtzeitung "Rathausplatz 1"

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Seit Ende 2020 wird im Impfzentrum gegen das Coronavirus geimpft. Hier finden Sie die aktuellen Impfzahlen.

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Impfzentrum

Die Corona-Schutzimpfung wird im Impfzentrum in der Sedanstraße und durch die mobilen Impfteams in Stadt und Landkreis mit und ohne Terminvereinbarung verabreicht. Schwangere und Kinder unter zwölf Jahren bekommen die Impfung nur in der Sedanstraße.