Dein Grün. Unsere Stadt. - Fünf Geschichten aus der Stadtgesellschaft

Stand: 19.08.2022

„Ich habe mich sofort in diesen Ort verliebt.“ - Kleiner Einblick in den grünen Innenhof

Es gibt Orte, die die Seele berühren. Mit viel Liebe zum Detail hat Uwe Hauke einen solchen Ort in seinem Innenhof in der Oberen Karlstraße geschaffen.

Ein Ort zum Träumen. Zum Ankommen. Das geschäftige Treiben der nahen Stadt ist plötzlich weit weg. Wenn Uwe Hauke das wuchtige Holztor schließt, das sein Blumengeschäft und vor allem den angrenzenden Innenhof vom Rest der Welt trennt, kann er sein Refugium in vollen Zügen genießen.

Natürlich teilt er diesen Ort der Ruhe auch. Lässt schauen. Staunen. Doch abends hat er es gerne für sich, dieses rechteckige Paradies mit unverstelltem Blick gen Himmel. „Ich habe mich sofort in diesen Ort verliebt“, sagt Uwe Hauke. Das ist nun 17 Jahre her. Seither ist viel passiert, hat sich in diesem Innenhof eine wahre Metamorphose vollzogen. Alte Fotografien zeigen einen funktionalen Ort mit Platz für Mülltonnen, Fahrräder, Unrat und Gerümpel. Uwe Hauke sieht schon damals mehr, ahnt das Potenzial, die Schönheit des Möglichen – und er krempelt die Ärmel hoch.

Nach Feierabend wird aus dem staatlich geprüften Floristen und Absolventen der staatlichen Fachschule für Blumenkunst ein Gärtner. Er legt Beete an, versetzt Pflastersteine, zieht einen Kastanienbaum aus einer Kastanie, der, immer noch stolz im Kübel wachsend, mittlerweile zum schattenspendenden Schirm einer gemütlichen Sitzgruppe geworden ist.

„Damals meinten alle, ich sei verrückt“, lacht Uwe Hauke. Das Ergebnis begeistert ihn selbst heute noch immer wieder. „Der Hof entsteht immer wieder neu, verändert sich mit den Jahreszeiten und meinen Ideen. Hier probiere ich aus, gestalte um und finde jeden Tag eine andere Herausforderung, an der ich mich austoben kann.“

Seine Spielwiese bringt jedoch nicht nur Kastanienbäume hervor, sondern auch Erdbeeren oder Süßkartoffeln, die Uwe Hauke schon mal im Kübel zieht. Die Bodenplatten hat er nur zum Teil entfernt, um bei den in der Erde verborgenen Leitungen und Kabeln auf Nummer sicher zu gehen. „Man kann mit Kübeln sehr viel erreichen“, findet Uwe Hauke. Glückt ein Versuch, teilt er den gewonnenen Erfahrungsschatz. Austausch ist ihm wichtig. Genauso das Gespür für die kleinen Dinge.

Wer in Uwe Haukes Innenhof ein bisschen aus der Zeit rückt, den Blick streifen und die Seele baumeln lässt, entdeckt stetig Neues, das Herz und Augen erfreut. Der Hof als Suchbild, arrangiert von einem mit Sinn für Atmosphäre und Ästhetik. „Ich finde, die Leute müssen in diesen schnellen Zeiten das Sehen wieder lernen und wieder einen Sinn für die schönen Kleinigkeiten entwickeln“, sagt Hauke. Das leuchtende Violett des Lavendels. Der alte, knorrige Flieder. Das zufriedene Summen der Bienen. „Trödeln ist Widerstand gegen Hektik“ steht da in großen Buchstaben auf einem Kalenderblatt in „Haukes Gartenhaus“. Innehalten war nie einfacher.

Eine echte Herzensangelegenheit - Kurzfilm über einen Arbeitsalltag mit den "kleinen Riesen"

Bäume faszinieren Hans-Josef Werner. Zum Glück hat der Mitarbeiter von Stadtgrün fast täglich mit den grünen Riesen zu tun. Er sorgt dafür, dass die Wurzeln der Jungbäume auch bei hohen Temperaturen genügend Wasser bekommen.

Er hatte überlegt, auf den Bau zu gehen oder eine andere Ausbildung zu beginnen, doch das Gärtnern lag ihm einfach mehr. Schon sein Vater war Gärtner, kultivierte zu Hause in der familieneigenen Baumschule Obstbäume. Der Beruf des Baumschulgärtners schien Hans-Josef Werner also in die Wiege gelegt. Die Weiterbildung vor ein paar Jahren zum Fachagrarwirt Baumpflege und Baumsanierungen war dann schon mehr als eine logische Konsequenz. Hans-Josef Werner hat seine Berufung gefunden.

Seit 1993 arbeitet er bei Erlangens Abteilung Stadtgrün, kümmert sich unter anderem um die Ersatzpflanzungen der Stadt. Über die Jahre pflanzte er etwa 2.500 Bäume, 100 im Jahr. „Viele Bäume kenne ich seit der Kinderstube und schaue ihnen seither beim Wachsen zu.“ Damit das besonders gut gelingt, kümmert sich Hans-Josef Werner auch darum, dass die Jungbäume im Stadtgebiet immer genug Wasser bekommen. Von Mitte April bis Mitte September bestimmt diese Tätigkeit seinen Arbeitsalltag. Dazu ist Hans-Josef Werner stets mit einem Traktor samt Tankanhänger unterwegs. Das Rangieren mit dem Gefährt sei „manchmal Millimeterarbeit“, das Wässern darf ruhig im größeren Maßstäben vonstatten gehen. So ein Baum ist durstig. Damit alle Bäume im Stadtgebiet auf ihre Kosten kommen, beginnt Hans-Josef Werner früh mit seiner Arbeit und ist schon unterwegs, wenn die Stadt erst erwacht.

Von den Saugstellen an den nahe gelegenen offenen Gewässern Schwabach und Regnitz geschöpft, chauffiert er das Wasser direkt vor jeden Baum, hackt dort die Erde mit der Harke auf, damit das Wasser besser einsickern kann und weniger verdunstet (einmal hacken spart zweimal gießen). Den Schlauch schließt er an den Tankwagen an und wässert dann, bis ein kleiner Teich um den Stamm herum entsteht. Während das Wasser versickert, wird der Gießvorgang dokumentiert. Denn jeder Baum in Erlangen hat eine Nummer. In besonders heißen Zeiten bekommen sie sogar einen Nachschlag. Ist der Boden stark verdichtet oder der Standort stark befahren, wird bei einigen Bäumen schon mit der Pflanzung ein Drainageschlauch eingesetzt. Dieser wird auf Ballenhöhe in die Baumscheibe gesteckt und erleichtert sowohl die Belüftung der Wurzeln als auch das Gießen. Hans-Josef Werner erledigt seinen Job längst routiniert. Jeder Handgriff sitzt. In manchen Fahrzeugen kann er die Bäume dank sogenanntem Gießarm wässern, ohne auszusteigen. So geht es schneller, ist an vielbefahrenen Straßen sicherer und die Fahrer der Autos hinter ihm müssen sich weniger gedulden.

Manche Bürger nehmen ihm aber auch mal Arbeit ab: „Die sagen dann: Da hinten müsst ihr nicht gießen, da kümmere ich mich schon drum.“ Weil besonders Jungbäume hitzeanfällig sind und am Stamm im Sommer teilweise hohe Temperaturen aushalten müssen,  streicht er sie weiß an. „Das wirkt dann wie bei uns die Sonnencreme.“ Besonders große Bäume faszinieren ihn. „Ich habe bislang fünf bis sechs Großbaumpflanzungen miterlebt, mit Radlader. Mit mehreren Männern waren wir oft über Stunden beschäftigt, da muss jeder mit anpacken“, erinnert er sich. Heute erledigt das eine externe Firma mit schwerem Gerät in einem Bruchteil der Zeit. Vor einigen Jahren begleitete Hans-Josef Werner die Verpflanzung einer Eiche, die ein Kollege für ihn in einem Fotoalbum dokumentiert hat. „Das blättere ich heute noch manchmal durch, und es macht mich sehr stolz.“ Umso häufiger pflanzt die Abteilung Stadtgrün / Hans-Josef Werner mit der Abteilung Stadtgrün daher junge Bäume mit einem Stammumfang von 16 bis 18 cm. Diese passen sich schneller an den Standort an und benötigen deutlich weniger Betreuung. 

Vom Baum in den Mund

In seinem Garten genießt Serdar Gökkus, was er einst selbst pflanzte. Im Mönauwald hegt der Wahl-Erlanger außerdem zehn Bienenvölker. Obst und Honig im Überfluss.

Von einem eigenen Garten hatte er schon immer geträumt. Hier gönnt sich Serdar Gökkus gerne eine Auszeit. Im Sommer, wenn die Abendsonne durch die Baumkronen blitzt, sitzt er manchmal einfach da und nascht von den Bäumen, die er selbst gepflanzt hat. Kirschen, Pfirsiche, Zwetschgen, Birnen und Äpfel – vom Baum gepflückt direkt in den Mund. „Ein großartiges Gefühl“, lacht der Informatiker.

Vor gut neun Jahren pflanzte er seinen ersten Baum. Es folgten viele weitere. „Meine Frau und ich wollten nie einen Ziergarten, sondern uns mit dem Garten auch immer ein bisschen selbst versorgen, unser eigenes Obst und Gemüse anbauen, natürlich essen oder Marmelade einkochen“, sagt Serdar Gökkus. Auch Tomaten, Gurken und Erdbeeren kommen aus dem eigenen Garten. Genauso die Minze für den Tee. Ein paar Herausforderungen gab es natürlich. „Wir mussten erst einmal die richtige Erde finden, denn es stellte sich heraus, dass der Boden in unserem Garten nicht unbedingt für Obstbäume geeignet ist.“ Hinzu kamen Krankheiten, Läuse und Blattbefall. „Ich lese und recherchiere viel auf eigene Faust, lerne im Austausch mit anderen auch in Online-Foren oder über Social Media dazu.“

Zum Glück ist Serdar Gökkus ein Tüftler. Einer, der gerne Neues ausprobiert und sich so Stück für Stück seine Idee eines Gartenparadieses verwirklichte. „Ich habe bis heute viel ausprobiert. Man muss eben bereit sein, aus seinen Fehlern zu lernen und darf sich nicht entmutigen lassen.“ Eine Einstellung, die auch für Serdar Gökkus zweite Leidenschaft gilt. Nur ein paar Minuten mit dem Rad entfernt, im Herzen des Mönauwalds summen Serdar Gökkus Bienen. Mittlerweile sind es zehn Bienenvölker, denen der Jung-Imker gemeinsam mit seinem Sohn Efe ein prachtvolles Zuhause errichtet hat. Serdar Gökkus ist sich sicher, dass sich sowohl seine Honigbienen als auch Wildbienen im Familien-Garten und an den Bäumen tummeln. Hier findet alles zusammen.

Eine Insel für Insekten

„Da, schauen Sie, eine Hummel!“ Dorothea Kämpf hat den knappen Platz ihres Südbalkons Erlangens Bienen, Marienkäfern und anderen Insekten gewidmet. Seit diesem Frühjahr gestaltet sie ihn konsequent naturnah um.

Gießen, ein paar verwelkte Blüten abknipsen, die gelben Sonnenschirme aufspannen und sich an allem, was da wächst, summt und brummt erfreuen. Für Dorothea Kämpf hat sich der morgendliche Gang auf den Balkon zu einer Routine entwickelt, die sie nicht mehr missen möchte. Seit ein paar Monaten verwandelt sie ihre wenigen Quadratmeter in ein wahres Insekten- und Bienenparadies, mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Inspiriert und euphorisiert haben sie das in Bayern erfolgreiche „Volksbegehren Artenvielfalt“ und ein Vortrag über naturnahe Gärten und Balkone, der praktisches Wissen vermittelte. „Es gehört schon mehr dazu, als Erde in einen Topf zu schichten, ein paar Samen reinzudrücken und zu gießen. Aber gerade das Dazulernen macht mir Freude.“

Jeder Blumentopf birgt eine andere Herausforderung, jede Pflanze hat ihre eigenen Bedürfnisse. „Mohn beispielsweise ist ein Frostkeimer“, weiß Dorothea Kämpf. Schneckenhäuser sind nicht nur dekoraktiv, sie dienen Wildbienen als Nisthilfen. Pflanzen hassen Staunässe, sollten aus ökologischen Gründen unbedingt in torffreie Erde gesetzt werden. Hummeln übernachten schon mal in Glockenblumenblüten. Brennnesselsud ist ein natürlicher Dünger und hilft gegen Läuse. Noch besser ist es aber, ihre natürlichen Feinde, die Marienkäferlarven, auf den Balkon zu lassen.  Auf Chemie verzichtet Dorothea Kämpf ganz. „Auf meinem Balkon gibt es nur Bio-Futter für Bienen“, lächelt sie. Und das in Form einer reichen Auswahl an unterschiedlichsten Wildblumen. Für Geranien haben nicht nur Bienen, sondern auch Dorothea Kämpf nichts übrig. Stattdessen gedeihen auf ihrem Balkon unter anderem Ringelblumen, Spinnenblumen, Mohn, Kapuzinerkresse, Klee, Kornblumen, Zitronenmelisse und Glockenblumen. „Und ich kenne immer noch viel zu wenige Pflanzen. Unfassbar, dass ich bislang immer an Wiesen vorbeigelaufen bin, ohne zu wissen, was da eigentlich wächst.“

Ihren Balkon findet Dorothea Kämpf längst „viel spannender als Fernsehen“. Und auch Hund Kito fühlt sich hier wohl. Ihre Neugierde kultiviert Dorothea Kämpf wie ihre Pflanzen. Sie will dazulernen. Von Menschen, die sich auskennen. Aber auch selbst ein Vorbild sein, andere anstecken mit der eigenen Begeisterung. „Wir müssen alle umdenken. Verstehen, dass Naturschutz auf unserem Balkon anfangen kann. Nicht jeder muss das so umfassend machen wie ich. Ein paar Kästen mit bienenfreundlichen Wildblumen genügen schon.“ Ihre Mühe zahlt sich aus. Es summt und brummt auf ihrem Balkon. Aus Konservendosen und geschichteten Brutröhrchen aus Bambus hat sie mehrere Bienenhotels gebastelt. Die meisten sind besetzt. Vögel finden auf Dorothea Kämpfs Balkon Nistmaterial aus Schafwolle, Moos und feinem, trockenem Gras.

Viele Balkone findet Dorothea Kämpf „schrecklich kahl“. Minimalistischen Gartentrends wie Rollrasen und Kies kann sie nichts abgewinnen. „Mein Balkon hat sicher ein anderes Konzept, eine andere Ästhetik. Hier darf und soll es wuchern und wild wachsen. Er ist ein naturnaher Gegenentwurf zur deutschen Gründlichkeit.“ Und sicher ein Beispiel für ein Umdenken in Sachen Begrünung. Denn auch Fehler machen dürfen gehört für Dorothea Kämpf dazu. Sie setzt sich für mehr Aufklärung ein: „Wir müssen die Menschen in ihrem Alltag abholen und bei der praktischen Umsetzung unterstützen. Am besten von klein auf. Wer sich früh für die Natur und ihren Schutz begeistert, behält das ein Leben lang bei. Und hat auch den Mut weiterzumachen, wenn die Samen mal nicht gleich aufkeimen.“

Glyzinien für Zarmina

Als das Haus in der Gebbertstraße 37 gerade gebaut und der Laubengang mit den drei Glyzinien frisch gepflanzt wurde, ist Zarmina Mamozai selbst noch Patientin in der Gynäkologischen Praxis von Dr. Margot Wortmann. Nur zur Routineuntersuchung kommt sie vorbei. Sie fühlt sich wohl, kann aber nicht festmachen, woran das liegt. 2018 übernimmt sie die Praxis und lernt, ihren hängenden Garten zu schätzen. „Im Frühling gibt es ständig Neues zu sehen. Da kann ich gar nicht anders, als immer wieder Fotos zu machen“, erzählt Zarmina Mamozai. Auf einem der zahlreichen Motive, die sie auf ihrem Mobiltelefon begleiten, rankt sich der Blauregen stolz an seinem Gerüst empor und prahlt mit seiner Blütenpracht. Die Begeisterung für den Anblick ist ansteckend.


Das öde Grau vertreiben

Die Fassadenbegrünung in der Gebbertstraße kann aber noch viel mehr, als einfach nur schön auszusehen. Genauso wie insektenfreundliche Balkone oder liebevoll gestaltete, blühende Hinterhöfe vertreiben grüne Fassaden das öde Grau aus der Stadt. Zarmina Mamozai hat als Frauenärztin einen stressigen Arbeitsalltag. Das Grün vor dem Haus und der kleine Garten hinter dem Büro helfen ihr dabei, entspannt zu bleiben. „Wenn ich aus meinem Fenster schaue, merke ich gar nicht mehr, dass ich eigentlich mitten in der Stadt bin“, berichtet sie. Die Schling- und Kletterpflanzen an der Fassade haben außerdem einen kälte- und wärmedämmenden Effekt, was vor allem in heißen Sommermonaten ein Vorteil ist. Auch der Lärm der unmittelbar angrenzenden, stark befahrenen Straße bleibt durch die dämmende Wirkung draußen vor der Praxistür. Zusätzlich filtert die Begrünung Schadstoffe aus der Luft.


Grün und lebendig

Richtig zum Leben erwacht die grüne Wand vor Zarmina Mamozais Praxis in den Sommermonaten ab Mai. Vögel finden im Schutz der Glyzinie Nahrung und Brutplätze. Für Bienen und Hummeln ist die Pflanze ein wichtiges Nährgehölz. Während es draußen vor dem Wartezimmer brummt und schwirrt, bleibt es innen ruhig. „Probleme mit Mücken oder anderen ungebetenen Besuchern haben wir nicht“, erzählt Zarmina Mamozai. Die Pflege der Fassade übernimmt die Hausverwaltung. Aber das ist für sie kein Argument, Verantwortung abzugeben. „Wenn die Hausverwaltung irgendwann beschließt, dass ihr die Pflege zu aufwendig ist, würde ich selbst mit anpacken. Mein Grün wäre mir die Arbeit wert!“

Redaktioneller Inhalt

Sie müssen den Cookies für YouTube zustimmen, um diesen Inhalt sehen zu können.