Erlanger Gruppe feiert Mittsommer in Eskilstuna
Stand: 29.07.2025
Reisetagebuch von Gisela Sponsel-Trykowski zur Bürgerreise in die schwedische Partnerstadt
35 Neugierige, Schweden-Fans und Eskilstuna-Kenner:innen aus Erlangen besuchten über Mittsommer (Midsommar) ihre schwedische Partnerstadt. Unterstützt vom Partnerschaftsbeauftragten der Stadt Erlangen Tobias Ott sowie dem Reisekaufmann David Schulte-Vogel vom TUI Reisebüro in Nürnberg organisierte Ute Guthunz vom Freundeskreis Eskilstuna die achttägige „Bürger:innenreise“ mit dem Ziel, die in den letzten Jahren etwas „eingeschlafenen“ Beziehungen zu Erlangens ältester Partnerstadt „wiederzubeleben“ und damit Eskilstuna kennenzulernen oder neu zu entdecken. Bereits am 7. Juni 1961 hatten Dr. Heinrich Lades und Svante Lundkvist, die damaligen Oberbürgermeister der beiden Städte, die Partnerschaftsurkunden feierlich unterzeichnet – eine davon hängt heute übrigens im historischen Trauungssaal des Rathauses von Eskilstuna. Seitdem reisten Tausende von Einheimischen jeden Alters in die jeweilige Partnerstadt - u.a. aus den Bereichen Kultur, Sport, Industrie, Handwerk, Schule, Universität, Vereine, Pfadfinder, Politik, Feuerwehr/ Polizei, / THW, Rettungsdienste, Kirchen und natürlich „normale“ Urlaubsgäste. Sie lernten also auf eine ganz besondere Weise, in einem lebendigen und vielfältigen Austausch, ein bis dahin fremdes Land mit seiner Geschichte und Kultur kennen. Zahlreiche Freundschaften entstanden, und nicht selten kam es auch zu deutsch-schwedischen Ehen.
Gleich am ersten Tag wurde die Erlanger Gruppe im Rathaus von Eskilstuna offiziell von Stadtrat Goeran Gredfors und der Umweltreferentin Eilin Svanström begrüßt, traditionell mit „fika“ ( Kaffee und Zimtschnecke), aber auch mit vielen Informationen über die Stadt und speziell über ihre Maßnahmen für den Klimaschutz, etwa über den Ausbau des Nahwärmenetzes mit Hackschnitzeln aus nachhaltiger Waldwirtschaft oder die Inbetriebnahme des weltweit größten Re- und Upcycling-Kaufhauses „ReTuna“ in einem Vorort von Eskilstuna. Hier kann sich Erlangen durchaus etwas abschauen! Rudi Ackermann stellte den Freundeskreis Eskilstuna kurz vor und spielte im Ratssaal eine schwedische Weise auf dem Konzertflügel, Ute Guthunz bedankte sich im Namen der Reisegruppe für den herzlichen Empfang und las die Grußbotschaft von Erlangens Oberbürgermeister Dr. Florian Janik vor. Mit einer feierlichen und emotionalen Blumenniederlegung an den Gräbern von Svante Lundkvist (1919-1991) und Otto Seidl (1913-2013) auf dem St. Eskils – Friedhof wurde im Beisein von Otto Seidls Sohn Sven auch der Mitbegründer der Partnerschaft auf schwedischer Seite gedacht. Otto Seidl, in Erlangen scherzhaft als „Eskilstunas Außenminister“ und „Motor der Partnerschaft“ bezeichnet, begleitete diese von Anfang an mit viel Herzblut und großem Engagement. Als sudetendeutscher Flüchtling, der aus politischen Gründen über Polen nach Schweden floh und schließlich in Eskilstuna ein neues Zuhause und Arbeit als Instrumentenbauer und Musiklehrer fand, verkörperte er in beiden Partnerstädten das Sinnbild für Freundschaft und Frieden. Beendet wurde die kleine Feier mit dem schwedischen Volkslied „Vem kan segla förutan vind“, ganz spontan gemeinsam gesungen, so wie es „in der Hoch-Zeit“ der Partnerschaft bei den gegenseitigen Besuchen üblich war.
In Begleitung der schwedischen Stadtführerin Giselle Emmott konnte sich die Reisegruppe zunächst ein Bild von der Stadt mit ihrer interessanten Mixtur aus originalgetreu restaurierten Holzhäusern in der Altstadt und moderner Wohnarchitektur, gepflegten und sauberen Grünanlagen sowie mit zahlreichen Kunstwerken im öffentlichen Raum und viel Wasserfläche machen. Dominiert wird die Innenstadt vom neugotischen roten Backsteinbau der Klosterkirche (Klosters Kyrka). Auf dem Programm stand weiterhin der Besuch des mitten in der Stadt liegenden Freilichtmuseums Rademachersmedjorna, dessen Schmiedewerkstätten und Wohnhäuser 1659 genau dort errichtet wurden. Von hier aus entwickelte sich Eskilstuna zum führenden Standort der schwedischen Metallindustrie. Das Technische Museum (Munktellmuseet) dagegen erzählt einen Teil der schwedischen Industriegeschichte seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts und zeigt u.a. Dampf-, Bau- und Landwirtschaftsmaschinen rund um den Maschinenbau-Pionier Johan Theofron Munktell, der mit seinen Erfindungen Eskilstuna zu einer Industriestadt in der Nähe eisenreicher Bergwerke machte und sozusagen den Grundstein für die Volvo- Automobilherstellung legte.
Ausflüge in die geschichtsträchtige Umgebung Eskilstunas zu naheliegenden Sehenswürdigkeiten führten die Reisegruppe z.B. nach Torshälla, wo eine Opferstätte für den heidnischen Gott Thor im 12. Jahrhundert mit einer christlichen Kirche überbaut wurde. Das Freiilichtmuseum Bergström’scher Hof (Bergströmska gården) beleuchtete dagegen das Leben der Bürger:innen im 18. Jahrhundert. Von der Schönheit der schwedischen Natur, besonders der Birkenwälder , konnten sich die Reisenden auch auf einer Wanderung zum Sigurds- oder Ramsundsristningen überzeugen, einer in Felsen geritzten Zeichnung von etwa 4 ½ m Breite und 2 m Höhe und einer Runeninschrift, die sich auf die Sigurd-Sage beziehen. Die malerisch am Mälarsee (Mälaren) gelegenen Schlösser Sundbyholm und Gripsholm mit ihren natürlichen Landschaftsparks sowie kleinen Häfen und Stränden luden zum Besichtigen, Runenstein-Erforschen, Spazierengehen und Baden ein. Verständlich, dass es viele Eskilstunenser an freien Tagen in ihre Wochenendhäuser – oft im „typischen Bullerbü- Rot-Weiß“ gestrichen - an ihren wunderschönen „Haus-See“ zieht, der sich über eine Länge von gut 70 km von Eskilstuna bis nach Stockholm erstreckt. Auch ein Stadtbummel in Mariefred mit dem Besuch von Kurt Tucholskys Grab bot sich an. Der regimekritische Schriftsteller und politische Journalist jüdischer Herkunft (1880-1935) musste Deutschland verlassen und ging nach Schweden ins Exil. Schließlich besuchten die Erlanger:innen noch das Vallby Feilichtmuseum bei Västeras. Mit seinen rund 40 Holz-und Steinhäusern aus städtischen und ländlichen Gebieten (die ältesten stammen aus dem 17. Jahrhundert) ist es eines der größten Freilandmuseen Schwedens. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, gefährdete einheimische Tierrassen – wie z.B. Öland-Gans oder Gotland-Pony - zu erhalten sowie regionales Kunsthandwerk und den Anbau heimischer Kultur- und Zierpflanzen zu pflegen.
Ein weiterer Reisetag führte die Erlanger:innen zunächst in die historische Bergwerksanlage von Sala, von ca. 1510 bis 1960 Schwedens ertragreichste Quelle für Silber, das in Bleiglanz mit Zink und Blei gefunden und zu Münzen sowie kostbaren Haushaltsgegenständen verarbeitet wurde. Gut 30 historische Gebäude, die unterschiedlich genutzt wurden, sind noch über das riesige Bergbaugelände und die ganze Stadt verteilt. Die unterirdischen Anlagen wurden im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erweitert: Bis in eine Tiefe von ungefähr 150 m wurden nach und nach Schächte und Stollengänge von insgesamt etwa 20 km Länge in den Fels gehauen. Dazu entstanden Grundwasserseen und Hohlräume; je nach technischem Entwicklungsstand wurden über die Jahrzehnte hinweg Wasserwirtschafts-, Pumpensysteme und Dampfmaschinen eingeführt. Nächstes Ziel war Anundshög, ein mystisch anmutendes Gräberfeld , das vermutlich von der Völkerwanderungs- bis in die Wikingerzeit (etwa 400 – 1050 n.Chr.) hinein genutzt wurde. Es gilt mit seinen rund 20 Hügelgräbern – das größte davon mit einem Durchmesser von ca. 60 m und einer Höhe von etwa 10 m - , den Schiffs- und Steinsetzungen und dem ca. 3 m hohen Runenstein als größte und bedeutsamste Begräbnisstätte Schwedens aus dieser Zeit. Nicht alle Gräber sind schon erforscht, man vermutet jedoch, dass hier u.a. bedeutende Männer begraben wurden, die selbst große Boote besaßen oder sehr gute Seefahrer waren: Die in Schiffsform aufgestellten Monolithen symbolisierten wahrscheinlich ein echtes Schiff auf seiner Route durchs Totenreich.
Last, but not least wurde gemeinsam Mittsommer (Midsommar) gefeiert, und zwar auf dem wirklich riesigen Sportgelände in Eskilstuna - Vilsta, zu dem u.a. auch ein Fluss-Schwimmbad mit aufgeschütteten Sandstränden, eine Reitschule und ein Skihügel samt Lift gehören. Beim 1. Spatenstich für diese weitläufige Sportanlage im Sommer 1963 war übrigens eine Erlanger Delegation dabei. Midsommar ist zwar kein gesetzlicher oder religiöser Feiertag, aber trotzdem nach Weihnachten das zweitgrößte Fest in Schweden. Es wird immer am Freitag und Samstag (evtl. auch noch Sonntag) vor dem 24. Juni gefeiert. Landesweit bleiben überwiegend Geschäfte, Museen, Lokale usw. geschlossen, die meisten Arbeitnehmer:innen haben frei. Alle, die es möchten, werden in die öffentlichen Feierlichkeiten miteinbezogen, egal, ob man nun Einheimischer, „Zugereister“ oder Tourist ist. Einen „Dresscode“ gibt es nicht: Tracht, weiße oder helle Kleidung, sonnige Farben, Blumenmuster …alles ist erlaubt. Aber ein aus frischen Wildblumen und Birkenzweigen selbst geflochtener Kranz im Haar, der gehört immer dazu – für große und kleine Leute!
Gemeinsam wurde ab 15 Uhr draußen im Grünen die Sommersonnenwende, also der längste Tag des Jahres gefeiert, dazu das Licht der „weißen (=hellen) Nächte“, die Wärme, die Natur, die Liebe und das Zusammensein. Eigentlich werden zwei in Kreuzform aufeinander befestigte Baumstämme (midsommarstång) und zwei daran hängende Ringe (als Symbole für Sonne und Fruchtbarkeit) gemeinsam mit Birkenzweigen und Blumen dekoriert und dann erst aufgestellt, aber in Vilsta wartete der Baum bereits ungeschmückt auf einem sehr, sehr großen Sportrasen auf Musiker:innen, Vortänzer:innen und die vielen, vielen Gäste, die es sich zunächst in einem großen Kreis um die Stange herum mit ihren Picknickkörben auf Decken usw. bequem gemacht hatten. Aber dann hieß es: "Trevlig Midsommar" oder "Glad Midsommar" („Fröhlichen Mittsommer!“), und schon begannen die Vortänzer:innen, die Figuren der traditionellen Tanzreigen mit durchaus „sportlichen Einlagen“ zu zeigen, zu denen landestypische Lieder gesungen wurden, wie z.B. „ små grodorna“(„Die kleinen Frösche“) – und (fast) alle drehten sich gefühlt Stunden im Kreise bzw. in Kreisen um den Baum herum mit. Am frühen Abend verabschiedeten sich die Einheimischen – der Rest des Abends bzw. der Nacht gehören der Familie bzw. dem engen Freundeskreis und einem Festmahl im eigenen Heim oder Garten. Auf das gute Essen mussten die Erlanger:innen aber nicht verzichten: „Traditionell schwedisch“ gab es in süß-saurer -, Dill- und Senfsoße eingelegte Heringshappen (sill) mit kräftigem braunen Brot, danach gebeizten Lachs mit grünem Spargel und Salat, jeweils mit jungen Kartoffeln, Sauerrahm-Dill-Schnittlauch-Soße sowie Hushållsost (eine Hartkäsesorte). Erdbeeren mit Sahne als Dessert durften nicht fehlen, denn sie sind ebenfalls ein Symbol für den Sommer und die Fruchtbarkeit der Natur. Übrigens: Die schwedische Fahne bleibt über Midsommar durchgehend gehisst - obwohl es die staatliche Empfehlung gibt, sie täglich spätestens um 20:30 Uhr einzuholen.
Fazit: Schön war´s! Einmalig das Licht um die Sonnenwende herum ! So viel zu entdecken, so viel Natur, so viel Wasser, auch in der Stadt, so viele nette und entspannte Menschen! Unsere Partnerstadt Eskilstuna war und ist eine Reise Wert!
Text: Gisela Sponsel-Trykowski
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Büro für Chancengleichheit und Vielfalt / Internationale Beziehungen
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