Gemeinsames Gedenken an das Massaker in Cumiana
Stand: 15.04.2026
Junge Musiker*innen vom Ohm-Gymnasium nehmen an Gedenken an die Opfer des Massakers von 1944 im italienischen Cumiana teil
„Denn allzu oft glaubt man, Erinnerung sei nur Bewahrung der Vergangenheit. Das ist nicht so. Erinnerung ist auch eine Entscheidung für die Zukunft. Sie ist die Weise, in der eine Gemeinschaft entscheidet, was sie werden will, nachdem sie verwundet wurde.“
Mit diesen Worten beschrieb Matteo Ravera, Bürgermeister von Boves, während der Gedenkveranstaltung in Cumiana, was die Verbindung zwischen unserer Stadt und ihrer italienischen Partnergemeinde seit 25 Jahren prägt. Wir als Mitglieder des Schulchors und -orchesters des Ohm-Gymnasiums, die im Rahmen des Gedenkens an das faschistische Massaker von 1944 nach Cumiana gereist sind, durften diese Verbindung auf besondere Weise erleben.
Nach einer langen, teils chaotischen Busfahrt kamen wir am Abend des 27. März 2026 in Cumiana an. Viele – auch die Älteren unter uns – waren zunächst unsicher, da wir nicht wussten, was uns bei den Gastfamilien, denen wir zugeteilt werden würden, erwartete. Alle Befürchtungen waren unbegründet, denn wir wurden mit so viel Herzlichkeit und Wärme empfangen, dass die anfängliche Unsicherheit schnell dem Gefühl des Willkommenseins wich.
Am Samstag besuchten wir den Friedhof von Cumiana; nach der Niederlegung von Blumen und dem Gesang eines „Kyrie“ wanderten wir durch die umliegenden Dörfer und die bergige Landschaft rund um Cumiana. Begleitet wurden wir dabei unter anderem von einem Historiker, der uns von den Partisanen erzählte, die während des Zweiten Weltkriegs gegen die deutschen und italienischen Truppen kämpften. Der Historiker, Herr Comello, berichtete vom Mut einzelner Partisanen und der Verschwiegenheit der Menschen in Cumiana. Und manche von uns stellten sich die Frage, wie man selbst gehandelt hätte. Diese Wanderung bot beides: die Vergangenheit zu bewahren und sich für die Zukunft zu entscheiden. Das bedeutete für uns, ins Gespräch zu kommen mit unseren italienischen Gastgeberinnen und Gastgebern, einander kennenzulernen und zu spüren: Wir können uns trotz Sprachbarrieren verständigen. Und natürlich half die Musik – beim Picknick auf einer Waldlichtung tanzten und sangen wir zusammen. Am Abend wurden wir fürstlich in den Gastfamilien bekocht. Gemeinsam mit den Einwohnerinnen und Einwohnern von Cumiana versammelten wir uns um 21 Uhr noch einmal zu einer Fackelprozession von der Pfarrkirche S. Maria della Motta zur Cascina Riva di Caia, dem Ort des Massakers vom 3. April 1944. Damals hatten SS-Einheiten 51 Zivilisten aus Cumiana erschossen; der Befehl dazu ging von einem Obersturmführer aus, den man
1999 als Bürger Erlangens identifizierte.
Am Sonntagvormittag fand die offizielle Gedenkveranstaltung am Ort des Massakers statt. Würdevoll reihten sich Bläser, Vereine aus Cumiana und aus Nachbargemeinden und vor allem die Menschen von Cumiana zu einem Marsch vom Rathaus zur Cascina Riva di Caia. Aus der Stille heraus wurden dort die Namen aller Opfer verlesen. Dieser Moment ging nahe. Wie viele Familien verloren durch den Schussbefehl einen geliebten Menschen? Es folgten Reden und musikalische Beiträge. Für uns junge Menschen, für unsere Schule, sprachen in fließendem Italienisch Vashika Selvaraj (8d), Fiona Schlürmann (8e) und Milena Bernhard (9e). Man könnte meinen, all die Reden wären langweilig gewesen. Nein, das waren sie nicht. Die Worte sprachen uns an. Wir jungen Menschen haben den Auftrag, die Vergangenheit zu bewahren und mit einer Haltung in die Zukunft zu gehen. Anschließend luden uns die Italienerinnen und Italiener zu einem mehrgängigen, echt leckeren, gemeinsamen Mittagessen ein, das uns eine weitere Möglichkeit zum Austausch bot.
Am späten Nachmittag probten Chor, Orchester und Solistinnen und Solisten für das abschließende Konzert, das am Abend in der Kirche S. Maria Assunta im Stadtteil Pieve stattfand. Alle Programmpunkte standen unter der Idee: Frieden! Besonders beeindruckt waren wir nicht nur von der unglaublich guten Akustik der Kirche, sondern auch von den zahlreichen Menschen, darunter unsere Gastfamilien, die zum Konzert erschienen waren. Mit Stücken wie Peter Schindlers „Kyrie“ aus seiner „Missa in Jazz“ und Michael Jacksons „Heal the World“ gelang es uns zu zeigen, welche Kraft in der Musik steckt: dass sie – auch über Sprach- und Landesgrenzen hinweg – Menschen miteinander verbindet. Den Abend nach dem Konzert ließen wir mit unseren Gastfamilien ausklingen – einige fuhren zum Pizzaessen in das 30km entfernte Turin, andere in die umliegenden Dörfer, bevor es am Montagmorgen schließlich Abschied nehmen hieß.
Die Fahrt nach Cumiana hat uns nicht nur die Bedeutung historischer Ereignisse nähergebracht, sondern vor allem auch gezeigt, wie wichtig das gemeinsame Erinnern dieser Ereignisse ist. Dass aus einer von Gewalt und Entmenschlichung geprägten Vergangenheit eine Verbindung entstehen kann, die auf gegenseitiger Offenheit und Verantwortung basiert, ist nicht selbstverständlich – und trotzdem, wie an der Verbindung zwischen Erlangen und Cumiana zu sehen ist, möglich, wenn beide Seiten bereit sind, diesen Weg zu gehen. Für junge Menschen wie uns ist diese Erfahrung besonders wertvoll gewesen: zu erleben, dass Erinnerung nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft betrifft. Und dass sie nicht nur Einzelne betrifft, sondern uns alle. Danke für diese Erfahrung!
Bericht von Sophia Rost, 11d, Ohm-Gymnasium Erlangen
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Cumiana (Italien)
Freundschaftsstadt seit 2001
Cumiana (Italien)
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