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Warum Frauen seltener wiederbelebt werden

Stand: 12.10.2026

Bei einem Herzstillstand zählt jede Sekunde. Trotzdem werden Frauen im öffentlichen Raum seltener reanimiert als Männer. Internationale Studien zeigen: Anwesende leisten bei Männern häufiger Erste Hilfe als bei Frauen, mit spürbaren Folgen für die Überlebenschancen. Das muss sich ändern.

Zahlen international – in Deutschland leider Fehlanzeige

Wie groß der Unterschied tatsächlich ausfällt, zeigt eine aktuelle Studie der Medizinischen Universität Innsbruck: Bei einer simulierten Reanimation erzielten Ersthelfende an einer männlichen Übungspuppe im Schnitt 80,4 von 100 möglichen Punkten, an einer weiblich präparierten Puppe mit Perücke, BH und Silikonbrüsten nur 70,5 Punkte. Besonders auffällig: Viele Teilnehmende zögerten, den BH vollständig zu entfernen, und verloren dadurch wertvolle Zeit. Der Effekt zeigte sich sogar bei Personen mit Vorerfahrung, etwa aus dem Rettungsdienst.

Eine kanadische Untersuchung von rund 40.000 Fällen eines Herzstillstandes außerhalb von Krankenhäusern zeigt: Männer erhielten mit einer Wahrscheinlichkeit von 68 Prozent Erste Hilfe durch Anwesende, Frauen dagegen nur zu 61 Prozent. Eine US-amerikanische Studie kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Frauen hatten dort eine um 14 Prozent geringere Chance, im öffentlichen Raum reanimiert zu werden – mit entsprechend schlechteren Überlebenschancen. Auch in Deutschland ist das Thema relevant: Laut Deutschem Reanimationsregister erlitten 2024 im Schnitt 370 Menschen pro Tag außerhalb eines Krankenhauses einen Herz-Kreislauf-Stillstand; bei rund der Hälfte begannen nicht Anwesende, sondern erst der Rettungsdienst mit der Wiederbelebung. In Deutschland wird bis heute der Unterschied zwischen den Geschlechtern leider nicht erhoben.

Warum: Scham und Angst

Als Grund gilt vor allem eine Hemmschwelle: Um den richtigen Druckpunkt für die Herzdruckmassage zu finden, muss der Oberkörper vollständig freigelegt werden. Viele Ersthelfende scheuen jedoch davor zurück, eine fremde Frau zu entkleiden, aus Scham oder aus Angst, ihnen könnte ein Übergriff unterstellt werden.

Diese Angst ist einer der am häufigsten genannte Grund fürs Zögern. Sie ist aber unbegründet. In Deutschland sind alle Menschen gesetzlich zur Ersten Hilfe verpflichtet: wer nicht hilft, macht sich sogar wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar. Wer dagegen im Notfall hilft und dabei nach bestem Wissen und Gewissen die notwendigen Maßnahmen ergreift – einschließlich des Freilegens des Brustkorbs zum Auffinden des Druckpunkts –, handelt rechtmäßig und muss keine strafrechtlichen Konsequenzen befürchten.

Der Grund liegt im Training

In den meisten Erste-Hilfe-Kursen wird nach wie vor ausschließlich an männlich beziehungsweise androgyn geformten Übungspuppen geübt. Dabei ist es logisch: Was im Kurs nie geübt wurde, fällt im Ernstfall schwerer – und genau hier setzt eine wachsende Zahl an Einrichtungen an, die inzwischen auch mit weiblichen Reanimationspuppen trainieren.

Auch in Erlangen ein Thema

Der Reanimations-Gender-Gap ist kein abstraktes Problem, sondern betrifft auch unsere Stadt: Wer hier einen Erste-Hilfe-Kurs besucht, übt mit wenigen Ausnahmen an klassischen, männlich geprägten Puppen. Die Stadt Erlangen soll hier mit gutem Beispiel voran gehen. Deshalb hat die städtische Gleichstellungsstelle den Vorstoß gemacht, für die städtischen Erste-Hilfe-Kurse künftig auch weibliche Reanimationspuppen anzuschaffen. Damit Ersthelfer*innen den Ernstfall an einem Körper üben, der der Realität näherkommt, und Frauen im Notfall genauso selbstverständlich geholfen wird wie Männern.

Gut zu wissen

Bei der Reanimation selbst gibt es zwischen Mann und Frau keinen medizinischen Unterschied – gedrückt wird in der Mitte des nackten Brustkorbs, fest und schnell. Im Ernstfall gilt: nicht zögern, sondern handeln. Fachleute sind sich einig: Falsch machen kann man bei der Reanimation nichts. Das einzig Falsche ist, aus Scham oder Angst gar nicht zu helfen – denn mit jeder Minute ohne Wiederbelebung sinkt die Überlebenschance spürbar.


Zum Schluss eine Frage:

Wann haben SIE eigentlich das letzte Mal einen Erste-Hilfe-Kurs besucht?

Denken Sie bitte daran, ihre Kenntnisse auch regelmäßig aufzufrischen!

 

Mehr zur Studie der Medizinischen Universität Innsbruck: https://www.i-med.ac.at/de/news/799595/

Mehr zum Thema: Malteser aware – Erste Hilfe: Frauen werden seltener wiederbelebt

https://www.malteser.de/aware/hilfreich/erste-hilfe-frauen-werden-seltener-wiederbelebt.html